Der Verschuldungsfaktor

Verschuldungsfaktor – nicht nur für Kreditgeber von Interesse

Der Verschuldungsfaktor gilt unter Experten schon länger als «Fiebermesser» für den Zustand eines Unternehmens. Dies verwundert nicht weiter, denn bei schlechtem Geschäftsgang nimmt einerseits die Verschuldung zu und andererseits der Cashflow ab. Der Verschuldungsfaktor reagiert also gleich doppelt empfindlich auf Schwierigkeiten im Geschäftsgang. Diese Eigenschaft machen sich auch die Banken bei der Bonitätsprüfung zu nutze. Höchste Zeit also, das eigene betriebswirtschaftliche Controlling um die Schlüsselkennzahl «Verschuldungsfaktor» zu ergänzen. 

Berechnung des Verschuldungsfaktors

Eine geänderte Blickweise auf die Bilanzstruktur ergibt sich aus Gläubigeroptik, wobei dabei die uneingeschränkte Begleichung der Schulden im Vordergrund steht. Der Verschuldungsfaktor reflektiert die Fähigkeit, die effektive Verschuldung des Unternehmens in möglichst kurzer Zeit aus dem Cashflow zu tilgen. Die Berechnung beruht auf effektiven Zahlungsströmen und nicht auf Aufwands- oder Ertragsgrössen. Dabei wird die Effektivverschuldung (Fremdkapital abzüglich flüssiger Mittel sowie kurzfristigen Forderungen) ins Verhältnis zum jährlichen operativen Cashflow gesetzt. Dabei wird allerdings unterstellt, dass die wirtschaftlichen Ergebnisse zukünftig stabil bleiben und der gesamte Geldfluss zur Tilgung eingesetzt werden. Die nachfolgende Abbildung illustriert die Berechnungsgrundlage:
Abb. 1: Formel Verschuldungsgrad

Verschuldungsfaktor

Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an ZHAW, School of Management and Law, Winterthur 2017

Das Resultat ist die Anzahl Jahre, die benötigt würden, um mit dem operativen Cashflow sämtliche Verbindlichkeiten des Unternehmens zu tilgen. Je kleiner diese Kennzahl ausfällt, desto weniger Jahre benötigt die Unternehmung, um ihre Schulden begleichen zu können. Ein Verschuldungsfaktor von 4 besagt beispielswiese, dass bei gleichbleibendem Cashflow, die Verschuldung innerhalb von 4 Jahren vollständig abgebaut werden könnte. Eine Unternehmung mit niedriger Ertragskraft und hoher Verschuldung wird einen ungünstigen, d.h. hohen Verschuldungsfaktor aufweisen. Demgegenüber kann ein Unternehmen, das aufgrund eines gesunden Wachstums einen hohen Ertrag erwirtschaftet hat, trotz beträchtlicher Verschuldung noch einen akzeptablen Verschuldungsfaktor manifestieren.

Weist der Verschuldungsfaktor einen zu hohen Wert aus wird der Kreditgeber das Unternehmen als Risikoposition einstufen. Eine hohe Verschuldung hat oft negative Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit und kann jeglichen finanziellen Spielraum beseitigen, wenn beispielsweise bei einer Liquiditätskrise keine zusätzlichen Kredite mehr erhältlich sind.

Richtgrösse/Richtwert des Verschuldungsfaktors

Faustregel: Unter 5 Jahren bleiben

Eine Beurteilung hat neben der allgemeinen Wirtschaftslage auch branchen- und länderspezifische Eigenheiten sowie die jeweilige Rechtsform zu berücksichtigen. So sollte der Verschuldungsfaktor beispielsweise dann niedrig sein, wenn die Branche durch rasche Amortisation der Anlagen gekennzeichnet ist. Demgegenüber wird wiederum beispielsweise ein Hotelbetrieb in der Regel einen hohen Verschuldungsfaktor aufweisen, zumal die Nutzungsdauer des Anlagevermögens in der Regel sehr lang ist. Als Zielwert können die folgenden Zeitspannen unterschieden werden:

  • 1 bis 3 Jahre, sehr guter Wert
  • 4 bis 5 Jahre, durchschnittlicher Wert
  • > 5 Jahre, erhöhte Aufmerksamkeit erforderlich

Neu gegründete Unternehmen weisen in der Regel einen deutlich höheren Verschuldungsfaktor auf. Unternehmen, welche schon längere Zeit erfolgreich tätig sind, gelingt es meistens durch Vornahme von Amortisationen, den Verschuldungsfaktor zu senken. Ein schneller Anstieg des Faktors gilt folglich als Warnsignal für eine mögliche finanzielle Krise eines Unternehmens.

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Letztes Update am Mai 18, 2018

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